Schwangerschaftsvorsorge Deutschland – Norwegen Folge 2: Übelkeit in der Schwangerschaft

Bei Schwangerschaftsübelkeit hilft oft Agyrax, was in vielen europäischen Ländern freiverkäuflich ist
Schwangerschaftsübelkeit kann oft mit kleinen Maßnahmen verringert werden [3]

Übelkeit in der Schwangerschaft gehört zu den Schwangerschaftsbeschwerden, die üblich und in der Regel unbedenklich sind, jedoch das Wohlbefinden der werdenden Mutter erheblich beeinträchtigen können.

 

Es wird zwischen zwei Arten unterschieden
Der „gewöhnlichen“ Schwangerschaftsübelkeit, der sog. Emesis gravidarum, und der übermäßigen Übelkeit, die mit ständigem Erbrechen einhergeht und behandlungsbedürftig ist (Hyperemesis gravidarum).

Die gewöhnliche Schwangerschaftsübelkeit (Emesis gravidarum) kann je nach Heftigkeit der Symptome mit Hausmitteln, Komplementärmedizin, Ernährungsumstellung oder auch Medikamenten behandelt werden, während die Hyperemesis gravidarum (unstillbares Schwangerschaftserbrechen) in der Regel eine umfassendere Behandlung und oftmals auch einen stationären Aufenthalt im Krankenhaus erfordert.

Häufigkeit

Die gewöhnliche Schwangerschaftsübelkeit erleben ca.  90% aller Schwangeren, während das unstillbare Schwangerschaftserbrechen von ca 1-2% erlebt wird. Die sog. „Morgenübelkeit“ wird nur von ca. 2% aller Schwangeren erlebt, über 80% verspüren die Übelkeit den ganzen Tag über.
In der Regel tritt die Übelkeit zwischen der 4.-6. Schwangerschaftswoche auf und vergeht normalerweise zwischen der 12. und 16. Woche. Einige Frauen erleben die Übelkeit darüber hinaus, einige wenige sogar die ganze Schwangerschaft lang.

 

Mögliche Ursachen

Man ging bisher davon aus, dass als Hauptursache das HCG (humanes Choriongonadotropin) gilt, welches in der Schwangerschaft eine bedeutende Rolle spielt, wobei diese Annahme immer mehr in Frage gestellt wird. Daneben gibt es weitere Faktoren, die in der Diskussion stehen und zusätzlicher Forschung bedürfen, wie:

  • Herabgesetzte Darmperistaltik (Verstopfung)
  • Veränderte Funktion von Nebenniere und Hypophyse
  • Schilddrüsenüberfunktion
  • Infektion mit Helicobacter pylori
  • Erhöhter Östrogenspiegel
  • Erhöhte Stoffwechselhormone
  • Mangelnde Balance innerhalb der Sexualhormone

Des weiteren erhöhen Mehrlingsschwangerschaften und Schwangerschaften mit weiblichen Föten das Risiko für Schwangerschaftsübelkeit.

Was hilft?

Ernährung

Für viele hat sich bewährt, auf einen ausreichenden Blutzuckerspiegel zu achten, indem sie

  • regelmäßig kleine Mahlzeiten essen (ca alle 90-120 min)
  • leichtverdauliches essen (z.B. Reis, geröstetes Brot), kohlehydratreich und fettarm
  • bereits im Bett vor dem Aufstehen zu essen (z.B. eine Schüssel mit Vollkornkeksen neben dem Bett zu haben)

Des weiteren kann empfohlen werden

  • Fettes und stark Gewürztes zu meiden
  • ausreichend zu trinken, Kaffee und Schwarzen Tee meiden
  • Ingwer bzw. Lebensmittel mit Ingwer zu essen.

Hypnose

In Studien konnte eine effektive Wirkung gezeigt werden - auch bei Probandinnen, die mehrere Male pro Tag erbrechen musste. Allerdings erhielten die Probandinnen eine individuelle Hypnose, d.h. die Hypnose ging auf jede einzelne Schwangere ein und setzte dementsprechend verschiedene Schwerpunkte. Eine solche individuelle Begleitung halte ich für sinnvoll, wenn die Hypnose effektiv wirken soll.

Als Hebamme mit Hypnose-Ausbildung biete ich maßgeschneiderte Hypnose-Behandlungen an, die du dir als mp3 anhören kannst. Weitere Informationen zur Hypnose findest du hier.


Verdauung anregen:
Sollte die Verdauungsperistaltik verlangsamt sein, kann auch dies zu Übelkeit führen. Dann empfiehlt es sich diese anzuregen:

  • Ausreichend trinken
  • Normalerweise wird empfohlen ausreichend Ballaststoffe zu essen. Meine Erfahrung ist aber, dass das auch ins Gegenteil umschlagen kann. Deshalb empfehle ich langsam die Ballaststoffzufuhr zu erhöhen (z.B. mit gekochtem Gemüse) und rohes Gemüse nur langsam in den Speiseplan einzuführen (wenn überhaupt).
  • Joghurt bzw. Milchsäurebakterien in anderer Form können die Verdauung unterstützen
  • Fermentierte Lebensmittel, z.B. Kimchi, Joghurt etc.
  • Flohsamenschalen oder andere Füll- und Quellstoffe, wie z.B. Methylcellulose, Leinsamen, Kleie, Agar-Agar...
  • Magnesium – am Besten persönlichen Bedarf austesten: Ich würde mit einer Dosis von 300 mg anfangen und langsam steigern. Zu viel Magnesium kann zu Durchfall führen, das möchte natürlich vermieden werden und ist ein Zeichen dafür dass man zu viel genommen hat. Die in Deutschland empfohlene Form von Magnesium für Schwangere ist Magnesiumcitrat oder- glutamat. Am Besten in der Apotheke kaufen und dort fragen.

    (Rechtlicher Hinweis: Bitte Rücksprache mit der betreuenden Hebamme / Gynäkologe / Apotheker halten, da ich keine Haftung für die von mir gegebenen Informationen übernehme. Meine Informationen basieren auf Recherche und persönlicher Erfahrung. Ich erhalte keinerlei Vorzüge oder finanzielle Gegenleistung für die von mir publizierten Informationen.)

Eine mögliche Ursache: Zu wenig Magensäure?
Ein noch relativ unbekanntes Phänomen ist das Leiden unter zu wenig Magensäure. In Norwegen gibt es freiverkäufliches Medikament, das auch für die Schwangerschaft und Stillzeit freigegeben ist (Aciglumin®, Wirkstoff: Glutaminsäurehydrochlorid), während in Deutschland dieser Wirkstoff nicht erhältlich ist.
Typische Symptome für zu wenig Magensäure ähneln sehr denjenigen, die für zu viel Magensäure sprechen:

  • Sodbrennen
  • aufgeblähter Bauch
  • Völlegefühl nach dem Essen, Essen bleibt lange im Verdauungstrakt liegen
  • Chronischer Durchfall
  • Unverdaute Essenreste im Stuhl
  • Verdauungsbeschwerden
  • Übelkeit nach dem Essen.

Man geht mittlerweile davon aus, dass mehr Menschen zu wenig als zu viel Magensäure haben – wie gesagt, die Symptome ähneln sich oft. Bei zu wenig Magensäure bleibt das Essen unverdaut im Verdauungstrakt liegen fängt dort zu gären an. Als Folge entstehen viele Gase, deren Volumen mit der Zeit den Magenpförtner aufdrücken – Magensäure kommt in die Speiseröhre und wir verspüren Sodbrennen.
Während „mangelhafte Verdauungssäfte“ vor einigen Jahrzehnten noch ein bekanntes Thema waren, ist es bei uns mittlerweile in Vergessenheit geraten. Was sich noch erhalten hat, ist der Gebrauch von Verdauungsschnäpsen, die natürlich für Schwangere keine Option darstellen.

 

Was man sonst noch tun kann, um die Verdauungssäfte zu fördern:

  • Während der Mahlzeit nichts oder nur ganz wenig trinken, um den Magensaft nicht noch weiter zu verdünnen (lieber zwischen den Mahlzeiten trinken).
  • Verdauungsanregende Gewürze zum Essen hinzufügen, wie z.B. Ingwer, Kümmel, Anis (ich weiß, dass im Internet immer wieder kursiert, diese Gewürze seien wehenanregend. In der Anwendung als normaldosiertes Küchengewürz kann man diese Gewürze aber bedenkenlos verwenden.)
  • Milchsauervergorene Lebensmittel regen die Magensaftproduktion an, wie z.B. Sauerkraut, Kimchi, Kefir, Joghurt… (die Wirkung ist am Besten, wenn die Lebensmittel nicht erhitzt werden, da sonst die Milchsäurebakterien Schaden nehmen).
  • Denkbar wäre auch, bei einem Arzt / Heilpraktiker Hilfe zu suchen. Die Traditionell Chinesische Medizin (Akupunktur, Akupressur etc) kennt Wege, um die Verdauungssäfte zu stärken.

Ein Mangel an Magensäure ist noch zu unerforscht, um in Studien als mögliche Ursache für Übelkeit angeführt werden zu können, ich kann jedoch aus meiner persönlichen Erfahrung sagen, dass die oben beschriebenen Maßnahmen in vielen Fällen zur Besserung beigetragen haben.

 

Akupressur und Akupunktur
In Studien hat sich unter anderem Akupressur und Akupunktur als hilfreich gegen die Übelkeit erwiesen (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11027909). Auch der Einsatz von Druckarmbändern, die auf dem Unterarm den Akupressurpunkt PE6 stimulieren, konnten in Studien ihre Wirksamkeit beweisen (http://forskning.no/alternativ-behandling-svangerskap-stub/2008/02/akupressur-mot-svangerskapskvalme).
Während in Deutschland das Akupunktieren gegen Schwangerschaftsübelkeit eine Kassenleistung ist, muss man in Norwegen dafür privat zahlen. In der Regel wird man einen Akupunkteur (idR mit Bachelor-Abschluss in Akupunktur) aufsuchen, da Hebammen zwar Zusatzausbildungen in Akupunktur absolvieren können, diese sich aber auf einen deutlich kleineren Einsatzbereich beschränken (Geburt und Stillen).

Vitamin B6

Ebenso konnte die Gabe von Vitamin B6 (Pyridoxin) in Studien Besserung erzielen, wobei sich die Empfehlungen in Bezug auf Vitamin B6 im minimalem Maße unterscheiden:
Deutschland: von 10 bis 25 mg dreimal täglich
Norwegen: 40 mg jeweils morgens und abends.

Durchaus bekannt und üblich ist in Deutschland das Kombi-Präparat Nausema®. Bei der empfohlenen Menge von 3 Dragees täglich beträgt die Gesamttagesdosis 21 mg Vitamin B6, 6 mg Vitamin B1 und 12 µg Vitamin B12 und liegt somit deutlich unter der empfohlenen Menge an Vitamin B6.

(Rechtlicher Hinweis: Bitte Rücksprache mit der betreuenden Hebamme / Gynäkologe / Apotheker halten, da ich keine Haftung für die von mir gegebenen Informationen übernehme. Meine Informationen basieren auf Recherche und persönlicher Erfahrung. Ich erhalte keinerlei Vorzüge oder finanzielle Gegenleistung für die von mir publizierten Informationen.)

 

Medikamente
Als Standardmedikament gegen Übelkeit wird in Norwegen Postafen® (Meclozin) als Mittel der Wahl empfohlen, 25-50 mg (1-2 Tabletten) pro Tag. Früher war das Medikament auch in Deutschland verkäuflich, leider ist die Zulassung ausgelaufen. Allerdings kann das Präparat unter einem anderen Handelsnamen (Agyrax®) in Belgien oder Niederlanden rezeptfrei und legal nach Deutschland bestellt werden. Auch Embryotox (ein öffentlich gefördertes Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin) nennt Meclozin als Mittel der Wahl (https://www.embryotox.de/meclozin.html) und ich würde mir wünschen, dass mehr Frauen in Deutschland auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht werden.
Meclozin kann im Übrigen mit Vitamin B6 kombiniert werden.
In Deutschland ist es verbreitet, Vomex A® zu empfehlen, was genauso wie Meclozin ein Antihistaminikum ist, allerdings in anderer Zusammensetzung. Generelle Erfahrungswerte zeigen, dass Vomex A® oftmals zu mehr Müdigkeit führt als Meclozin. Auch wird von Embryotox Meclozin als die „besser erprobte Alternative“ empfohlen (https://www.embryotox.de/dimenhydrinat.html).
Es gibt neben den Antihistaminika noch weitere Medikamente, die in Betracht gezogen werden können, dies liegt aber außerhalb meiner Kompetenz und sollte mit einem Arzt/ Ärztin besprochen werden.


(Rechtlicher Hinweis: Bitte Rücksprache mit der betreuenden Hebamme / Gynäkologe / Apotheker halten, da ich keine Haftung für meine Information übernehme. Meine Information basiert auf persönlicher Erfahrung. Ich erhalte keinerlei Vorzüge oder finanzielle Gegenleistung durch meine Information.)


Helicobacter pylori-Infektion
Des weiteren wurde im Ärzteblatt (https://www.aerzteblatt.de/archiv/56117) eine Infektion mit Helicobacter pylori als mögliche Ursache genannt. Eine deutliche Besserung der Beschwerden konnte mit einer gezielten Antibiotika-Therapie gegen H.pylori erzielt werden, so dass diese Möglichkeit zusammen mit einem Arzt/ Ärztin in Betracht gezogen werden kann.

 

Schilddrüsenüberfunktion

Auch hier gilt, dass das Stellen einer Diagnose sowie das Erstellen eines Behandlungsplans ein Arzt/ Ärztin durchführen sollte. Schilddrüsenwerte können anhand einer Blutprobe überprüft werden.

 

Ich wünsche allen Schwangeren, die von der Übelkeit betroffen sind, von ganzem Herzen gute Besserung. Und natürlich, dass ihr eure Schwangerschaft (bald wieder) in vollen Zügen genießen könnt!

Rechtlicher Hinweis: Bitte Rücksprache mit der betreuenden Hebamme / Gynäkologe / Apotheker halten, da ich keine Haftung für die von mir gegebenen Informationen übernehme. Meine Informationen basieren auf Recherche und persönlicher Erfahrung. Ich erhalte keinerlei Vorzüge oder finanzielle Gegenleistung für die von mir publizierten Informationen.

Weitere Artikel zu den Blogthemen:

Baby

Schwangerschaft

Rechtlicher Hinweis: Dieser Blogeintrag möchte über die verschiedenen Empfehlungen im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge in Norwegen und Deutschland informieren und gerne inspirieren. Eine Konsultation mit einer ortsansässigen Hebamme/ Entbindungspfleger/ Gynäkologen/in oder Arzt/ Ärztin ist jedoch im Einzelfall immer zu empfehlen und kann hiermit nicht ersetzt werden.

[3] Bildnachweis: Photo by freestocks.org on Unsplash

Hinweis zur geschlechtergerechten Sprache: Da mir es mir wichtig ist, dass der Text leicht lesbar und verständlich ist, verwende ich die nur einen sprachlichen Behälter zur Berufsbezeichnung. So meine ich beispielsweise, wenn ich "Gynäkologe" schreibe, den Beruf, der von Vertretern aller Geschlechter besetzt und ausgeführt wird. Der sprachliche Behälter soll damit alle Geschlechter erfassen. Ich finde die sprachliche Unterteilung der Berufe in Geschlechter umständlich und an und für sich schon diskrimierend. Daher ziehe ich daher einen sprachlichen Behälter vor (so wie es im Englischen oder Norwegischen beispielsweise der Fall ist). Der Respekt und die Anerkennung für Angehörige aller Geschlechter liegt mir am Herzen und diese Lösung erschien mir am praktischsten.